renate langgemach

Doppelter Frühling

Um Abwechslung in ihr französisches Landleben zu bringen, besucht die Ich-Erzählerin ihren Liebhaber in Venedig. Anders als erwartet, hält die Romantik - fernab von Haus und Hof, von Ehemann Claude und Tochter Janine - ungefähr eine halbe Stunde.

Enno holt mich nicht ab, nicht am Flughafen, nicht auf der Piazzale Roma, nicht auf seiner Veranda. Er kann Menschenaufläufe nicht leiden, sagt er, deshalb verbringt er seine Zeit lieber beim Vorbereiten des Venusfisches, so nennt er unser Menü für den ersten Abend, Blick in den Himmel inklusiv. Seine Tür ist angelehnt, ein Spalt wie für eine Katze, ich schlüpfe hinein und ziehe sie zu, als wäre ich nie weg gewesen.

Da bin ich also wieder. Wo die meisten Straßen Flüsse sind, es nach Wasser riecht und dunklem Moos, wo Rosen in Schalen stecken, Kerzen neben den Spiegeln, wo Licht durch Bleifenster dringt, mir die Bodenfliesen barfuß vertraut sind und ich im Traum fast durch die Gänge finde.
Ich husche an der Küche vorbei, Enno in Salbei- und Olivennebel, höre ihn Kräuter hacken, gucke über das Wasser, das um die Pfeiler schwappt, die Mauern, die Fassaden. Sie wissen, dass Schönheit mit der Zeit wächst, dass das Alter seine Reize hat - im Garten vergehen Jahre, bis die Mischung stimmt - und jede modern frisierte Häuserfront Produkt von Bürokraten ist, die die Schönheit im Schminkkoffer ihrer Frau vermuten.
Alle Häuser hier haben nasse Füße, muss ich denken, manche Tag und Nacht, trotzdem sind sie still, tragen ihre Kronen, auch wenn Gold und Farbe abgeblättert sind und die Augen der unteren Etagen verschlossen, weil das Wasser sie ausgehöhlt hat. Vielleicht stehen noch eiserne Betten hinter den Fensterläden - jede Sünde unterm Kruzifix, Perlenrand und lächelnde Madonna, Leinen in der Kommode, Vaters Kappe auf dem Stuhl, Mutters Krug auf der Veranda.

Ich ziehe das Kleid an, das in Rostrot, das bei Enno im Schrank bleibt. Claude würde über so einen Fummel nur staunen. Denn zu Hause brauche ich so etwas nicht, da sitzen wir an Holztischen ohne Drumherum. Ich schlüpfe in die Schuhe, streiche alle Falten glatt - und voilà, ich finde mich ein.
Enno beugt sich über die Fischplatte, eine Hand umspannt den Kristallhals, die andere meine Schulter, er schenkt ein, stellt die Karaffe ab, Prosit auf unser Festmahl und auf mich, die wie der Fisch unter seinen Augen vergeht.
Als ich zum Begrüßungskuss lachen muss, kommt seine Zeremonie durcheinander. Er lacht mit, dabei strahlt er eine Ruhe aus, ich frage mich, wie er das macht. Dann reicht er mir ein Fischstückchen, eine Taube will auch etwas davon … es ist so einfach, den rechten Mann an seiner Seite, ein gutes Essen, eine Stimmung, als könnte keiner dem anderen ein Haar krümmen, und ich schwärme, wie köstlich so ein Venusfisch ist, kaum dass ich den Lärm vom Flughafen hinter mir habe und die Bildschirme überall, damit man nicht vergisst, dass sie sich in Basra und Kerbell die Köpfe einhauen und deshalb der Dow Jones immer noch nicht steigt.

Nach meiner inneren Uhr ist es ein halbes Leben, nach der äußeren erst ein paar Stunden her, dass Claude mich in der Abflughalle abgeliefert hat, auf seinen Apéritif verzichtet, keine Fragen gestellt, kein BistduwiederimgleichenHotel, washastdudiesmal vor - es interessiert ihn nicht wirklich! Die Hauptsache ist, er bringt Janine rechtzeitig zum Schulbus. Dann soll er meinetwegen in seinem Atelier verschwinden, soll brüten, ausharren wie ein Jäger, die Schneeziege im Visier, sich einsiedeln, das Atmen vergessen, ich störe ihn vorerst nicht.
Aber wo die Quittung für die Grundsteuer ist, dafür interessiert er sich plötzlich, und sein Foto mit dem schwarzen Hund im Klosterhof von Cadouin. Er hätte beides in einen Briefumschlag getan und jetzt findet er ihn nicht wieder.
So ist er eben. Kompliziert die Dinge zur falschen Zeit und bringt sein Papierzeug überall durcheinander, obwohl er nur eine Schublade dafür besitzt.
Schublade plus Tisch gehören zu unserem Haus, seit Claude es gekauft hat. Er hat die Tischbeine neben den alten Zapfen verschraubt und ihre Länge mit Eisenstücken ausgeglichen. Weil er das Vorläufige mag und halbschwebende Dinge, steht der Tisch noch heute so - und wenn ein Glas Wasser darauf umkippt, ist Frankreich in Not, denn Karten, Rechnungen und Kontoauszüge, die in der Schublade lagern, könnten durch die Fugen der Platte nass werden - oh caro mio, dagegen ist Enno ein Ordnungsgenie.

DOPPELTER FRÜHLING, ISBN 978-3-943446-21-4
Edition Contra-Bass http://contra-bass.de

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